TU hat Forschungsobjekt verkauft
Der letzte Urwald wird abgeholzt
Ein naturbelassener Wald, den Forscher der TU über Jahrzehnte erforscht
haben, wird gerodet. Damit verschwinden vom Aussterben bedrohte Pflanzen,
klagt der Ökologe Franz Rebele.
VON LUISA JAEGER UND SEBASTIAN HEISER
30 Jahre lang hat Franz Rebele die Planzen erforscht, die jetzt zerstört
werden. Viele Generationen von Studierenden haben mit dem Privatdozent für
Ökologie an der Technischen Universität Bäume vermessen, Pflanzen
kategorisiert und Vögel beobachtet. Ihre Frage: Was passiert mit einem
Grundstück in der Stadt, das der Natur und sich selbst überlassen wird?
Jetzt kreischen auf dem Grundstück die Sägen, Arbeiter fällen die Bäume.
Rebele steht mittendrin und schaut zu, wie sein Forschungsobjekt, sein Kind,
zerstört wird. Das macht ihm sichtlich zu schaffen. "Es ist ein Unding, dass
man als Wissenschaftler so behandelt wird - Freiheit von Forschung gibt es
nicht, wenn es um Geld geht", sagt Rebele.
Das 3.000 Quadratmeter große Gelände in einem Villenviertel von Dahlem wird
seit 1928 als landwirtschaftliche Versuchsfläche genutzt. Bis Kriegsende
machten Phosphatwerke dort Düngerversuche. Nach 1945 lag es brach und wurde
später vom Lehrstuhl für Obstbau an der landwirtschaftlichen Fakultät
genutzt. 1968 erhielt das Institut für Ökologie die Fläche.
Bis vor kurzem fand man auf dem Grundstück fast alle Baumarten des Berliner
Raums, außerdem fast 300 wildwachsende Pflanzenarten, von denen nach Angaben
Rebeles rund 50 auf der Roten Liste stehen. "Wir können nicht einmal die vom
Aussterben bedrohten Pflanzen, die hier wachsen, in Sicherheit bringen",
sagt Rebele. So wachse hier etwa die Sibirische Schwertlilie, Pflanze des
Jahres 2010, und der vom Aussterben bedrohte Blut-Storchschnabel.
Einige der Bäume auf dem Grundstück dürften ohne eine Genehmigung des
Bezirksamtes eigentlich nicht befällt werden: Sie haben in Höhe von 1,30
Meter einen Umfang von mehr als 80 Zentimetern. Doch eine solche Genehmigung
gibt es nicht - das kann mit bis zu 50.000 Euro geahndet werden.
Als die taz den Umfang der gefällten Bäume nachmisst und die Stämme
fotografiert, wird einer der Baumfäller agressiv. Er greift sich einen
herumliegenden Ast in Größe eines Baseballschlägers, kommt drohend auf den
taz-Fotografen zu und schreit, er solle sofort das Grundstück verlassen:
"Wir wollen hier keine Presse!"
Die Technische Universität kann dazu am Mittwoch keine Stellung nehmen. Das
Grundstück sei in der vergangenen Woche verkauft worden, so Pressesprecherin
Kristina Zerges. In dem Exposé, in dem die Universität das Grundstück zum
Kauf anbot, hatte es geheißen, es liege "im zentrumsnahen Villen- und
Einfamilienhausgebiet Dahlem" und sei "dicht mit Sträuchern und Bäumen
bewachsen". Welche Bedeutung das Grundstück und die Pflanzen darauf haben,
erfuhren die potenziellen Käufer in dem Exposé nicht.
Der Naturschutz-Stadtrat von Steglitz-Zehlendorf, Uwe Stäglin (SPD) hat am
Mittwoch zwei Mitarbeiter vor Ort geschickt. "Es gibt für uns keine Basis,
um einzuschreiten", sagt er. Die Mitarbeiter hätten nicht festgestellt, dass
die Bäume so dick sind, dass sie unter die Baumschutzverordnung fallen.
Es komme nicht selten vor, dass Bäume wild gefällt werden, sagt Herbert
Lohner, Naturschutzreferent beim Landesverband des Bundes für Umwelt und
Naturschutz. "Das liegt daran, dass die Personalausstattung der Naturschutz-
und Grünflächenämter seit Jahren unter dem Bedarf ist und immer noch weiter
zurückgefahren wird." Es gebe außerdem zu wenige Mitarbeiter in den Bezirken
und diese seien nach seinem Eindruck oft nicht ausreichend ausgebildet. "Wir
bekommen von Nachbarn immer wieder Hinweise auf illegale Baumfällungen."
In dem Exposé bewarb die Universität das Grundstück mit dem Hinweis, der
Bebauungsplan lege ein "ein allgemeines Wohngebiet und offene Bauweise
fest". Rebele befürchtet, dass auf dem Grundstück drei Villen gebaut werden
sollen.
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